Riemann-Thomann-Modell

Christoph Thomann (1988), Fritz Riemann (1975)

(als pdf herunterladen)

 

Ziel

Die TeilnehmerInnen können Beziehungen mit Hilfe des Riemann-Thomann-Modells analysieren und Lösungsmöglichkeiten für Konflikte anbieten.

 

Kontext

  • Persönlichkeitsentwicklung
  • Konflikt
  • Reflexion

 

Theorie

(basierend auf Thomann (1988): Klärungshilfe 1: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen)

 

Das Riemann-Thomann-Modell wurde von Christoph Thomann 1988 basierend auf den Grundformen der Angst von Fritz Riemann (1975) entwickelt.

 

Das von Thomann entwickelte Modell wurde von ihm ganz klar als Beziehungsmodell und nicht als reines Persönlichkeitsmodell entwickelt. Es versteht sich daher nur bedingt als Beschreibung einer einzelnen Person, vielmehr ist es als Modell zur Erklärung von zwischenmenschlichen Beziehungen zu sehen.

 

Thomann beschreibt vier Pole:

 

1)   Nähe

„Hier steht der Wunsch nach vertrautem Nahkontakt; die Sehnsucht, lieben zu können und geliebt zu werden. Eine Bindung wird zumeist angestrebt, das Bedürfnis nach Zwischenmenschlichem, sozialen Interessen, Geborgenheit, Zärtlichkeit, ebenso nach Bestätigung und Harmonie, Mitgefühl und Mitleid, Selbstaufgabe.“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

2)   Distanz

„Hier äußert sich der Wunsch nach Abgrenzung von anderen Menschen, um ein eigenständiges und unverwechselbares Individuum zu sein. Die Betonung liegt auf der Einmaligkeit, der Freiheit und Unabhängigkeit. Das Streben nach klarer Erkenntnis des Intellekts wird deutlich. Diese Tendenz beschreibt demnach jene Bedürfnisse im Menschen, die eher mit Distanz zu anderen zu tun haben.“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

3)   Dauer

„Die Sehnsucht nach Dauer und der Wunsch nach Verlässlichkeit und Ordnung aktivieren im Menschen Grundtendenzen, die mit folgenden Begriffen umrissen werden können: Planung Vorsicht, Voraussicht, Ziel, Gesetz, Theorie, System, Macht, Wille und Kontrolle. […] Verantwortung, Pflicht, Pünktlichkeit und Sparsamkeit, Achtung und Treue.“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

4)   Wechsel

Diese Tendenz beschreibt den Wunsch nach dem Zauber des Neuen, dem Reiz des Unbekannten, von Wagnissen und des Abenteuers; den Rahmen sprengen, den Augenblick erleben. Das Bedürfnis nach Spontaneität und Leidenschaft, Höhepunkten und Ekstase, Charme und Suggestion, nach Temperament, Genuss, Phantasie, Verspieltheit, Begehren und Begehrt werden wird deutlich.“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

Thomann gibt Beispielhaft für die vier Dimensionen folgende Abstufungen der Intensität an.

„Nähe: Nähebedürfnis, Anklammerung, Gier

Distanz: Distanzwünsche, Absonderung, Ekel

Dauer: Sturheit, Kontrollsucht, Erstarrung

Wechsel: Abwechslungswünsche, Unzuverlässigkeit, Flucht“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

Riemann-Thomann 1

Abb. 1: Darstellung des Thoman-Riemann-Modells auf Flipchart

 

Basierend auf diesen vier Polen kann jeder Person in einer Beziehung ein Heimatgebiet zugeordnet werden. Dies kann jede beliebige Form einnehmen und sich auch über mehr als nur einen Quadranten erstrecken.

Bei der Selbst- und Fremdeinschätzung hängt die Definition des Heimatgebietes stets von der anderen Person / den anderen Personen in der Beziehung ab. Die Einschätzungen sind daher stets relativ zueinander zu sehen. Wie Thomann selbst schrieb: „Das Modell bildet die Beziehung ab, nicht das Individuum.“ [Thomann 1988 Teil VI, Abschnitt 2]

 

Praktische Einführung

Seit jeher hat sich die Menschheit dafür interessiert, Persönlichkeiten zu klassifizieren. Ein sehr beliebtes und gutes Modell, Persönlichkeiten innerhalb von Beziehungen zu beschreiben, ist das Riemann-Thomann-Modell.

Es analysiert die Persönlichkeit in zwei Dimensionen – Nähe/Distanz und Dauer/Wechsel.

 

Nähe beschreibt in diesem Modell den Wunsch nach Bindung, zwischenmenschlichem Kontakt, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Harmonie. Bis hin zur Selbstaufgabe. Dem Gegenüber steht die Distanz, wo der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit sehr ausgeprägt ist. Menschen mit dieser Ausrichtung versuchen sich möglichst stark von anderen abzugrenzen um möglichst einzigartig zu sein.

Dauer wird gleichgesetzt mit möglichst genauer Planung, klaren Zielen und Gesetzmäßigkeiten sowie Macht und Kontrolle, die ausgeübt wird. Dem gegenüber steht der Wechsel, wo das Neue und Unbekannte im Vordergrund steht. Begehrt werden und selbst begehren, Abenteuer erleben, vorgegebene Rahmen sprengen – das sind die Dinge, die Menschen mit dieser Tendenz faszinieren.

 

Dabei ist zu beachten, dass eine Beschreibung einer Person stets relativ zu den anderen Personen, zu denen sie in einer Beziehung steht, ist. So mag eine Person mehr Nähe und Dauer wünschen als die zweite Person in einer Beziehung. Die gleiche Person kann aber in einer anderen Konstellation mit jemand Drittem, der extrem auf Nähe setzt, relativ gesehen stärker auf die Distanz-Seite ausweichen.

 

Kommt es in einer Beziehung zu einem Konflikt, so wird oft die Mitte des Diagramms, der Nullpunkt, als zwischen den Beteiligten stehend wahrgenommen. Je schlimmer der Konflikt wird, desto mehr bewegt sich jede und jeder Einzelne weg von der Mitte.

 

Riemann-Thomann 2

Abb. 2: Typische Konfliktsituation zwischen zwei Partnern

 

Um den Konflikt zu entschärfen schlägt Thomann vor [Thomann 1988, Teil VI, Abschnitt 3], dass über Schlaufen die Möglichkeit geschaffen wird, sich zurück zur Mitte zu bewegen und damit wieder toleranter dem anderen gegenüber zu werden.

 

Riemann-Thomann 3

Abb. 3: Lösung über Schlaufen

Konkret schlägt er vor, jemanden, der mehr Nähe sucht, die Möglichkeit zu geben Kontakte haben zu können. Umgekehrt soll dem Part, der Distanz wünscht, der Raum geboten werden sich ohne Schuldgefühle zurückziehen zu können. Dem Dauer suchenden wird erlaubt sich zu sorgen und das Gemeinsame zu sichern, während dem Wechsel suchenden die Möglichkeit geboten wird intensive Gefühle zu erleben und zwischendurch mal zu fliehen.

Dadurch, dass ihren Wünschen entsprochen wird, können die Beteiligten dem sich abzeichnenden Teufelskreis entkommen und ihr Heimatgebiet wieder mehr in die Mitte bewegen.

 

Kommentar

Das Riemann-Thomann-Modell wurde ursprünglich zwar für Paar-Beziehungen entwickelt. Es eignet sich aber auch sehr gut für alle anderen Beziehungen. Egal ob im privaten oder beruflichen Kontext.

 

Im Kontext von Gruppen schlägt zum Beispiel Stahl eine Adaption des Modells [in Stahl 2012, Seite 224 ff.] vor. Er zeichnet anhand der gruppenspezifischen Werte und Prinzipien ein Heimatfeld der Gruppe.

 

Richtiger Zeitpunkt/Voraussetzungen

Diese Methode kann jederzeit im Seminar vorgestellt werden. Eine offene Atmosphäre zwischen den TeilnehmerInnen erleichtert jedoch mit Sicherheit die Aufnahme des Modells, da sich damit eher gute Beispiele in der Gruppe finden lassen.

 

Arbeitsmaterial

Vorschaubild der Vorlage zum Riemann-Thomann-Modell

Riemann-Thomann-Modell Vorlage

Die zwei Dimensionen auf einer A4-Seite eingezeichnet als Basis für Selbst- und Fremdeinschätzungen basierend auf dem Riemann-Thomann-Modell.

 

Handout zum Riemann Thomann Modell als pdf

 

Querverweise

 

Weiterführende Literatur

Das Original von Thomann

 

Das Original von Riemann, auf welchem Thomann das Modell aufbaute

 

Angewandt auf den Kontext von Gruppen

 

Beispiel-Training (45 Minuten)

Zeit Beschreibung Material
15’ Input zum Riemann-Thomann-Modell Flipchart
10’ – 30′ Selbst- und FremdeinschätzungWo befinde ich mich auf den zwei Dimensionen in meiner Beziehung / in meinem Team?Wo befindet sich mein Partner / meine Partnerin? Wo befinden sich meine Teammitglieder? Vorgefertigtes Arbeitsblatt (Koordinatensystem Nähe/Distanz & Dauer/Wechsel)
20’ Zusammenführen der Einzelarbeit. Wo sehe ich mich? Falls ein Team anwesend ist: Wo sehe ich die anderen? Wo sehen diese mich? (Vorsicht: Diese Analyse birgt viel gruppendynamisches Potential.)

 

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