Modell der Welt

Alfred Korzybski

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Ziel

Die TeilnehmerInnen sollen begreifen, dass jedeR von uns ganz subjektiv nur einen Teil der Realität wahrnimmt und dass wir Dinge, die wir bereits kennen, anders bewerten als Dinge, die uns neu sind. Somit soll auch klar werden, dass jedeR von uns die Welt ein kleines bisschen anders wahrnimmt.

 

Kontext

 

Theorie

(basierend auf Korzybski, A. (1933): Science and Sanity: An Introduction to Non-Aristotelian Systems and General Semantics)

Der polnisch-amerikanische Ingenieur und Linguist Alfred Korzybski (1879-1950) verglich die Sprache mit einer Landkarte und postulierte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts folgendes:

 

„Die Landkarte ist nicht das Gebiet.“

(The map is not the territory.)

Sie spiegelt nicht die Realität wieder, sondern eine rein subjektive Wahrnehmung. Für die Kommunikation bedeutet dies, dass ich und mein Gegenüber über unterschiedliche Landkarten verfügen. Missverständnisse gehören folglich dazu.

 

„Keine Landkarte zeigt das ganze mutmaßliche Gebiet.“

(No map represents all of ’its’ presumed territory.)

Landkarten zeigen nur einen Teil des Gebietes (z.B. nur die Straßen). Dasselbe gilt auch für unser individuelles Modell der Welt. Es zeigt nur das, worauf wir bisher Wert gelegt haben bzw. was uns in unserem bisherigen Leben untergekommen ist. Alles andere wurde (noch) nicht „eingetragen“.

 

„Die Landkarte spiegelt sich selbst wieder.“

(Maps are self-reflexive, i.e.  we can map our maps indefinately.)

Wir erweitern unsere Landkarte ständig. Die Teile, die wir dabei hinzufügen, sind immer abhängig von unserer bisherigen Landkarte, da wir alles neu erlebte ja immer nur aufgrund des bisher bekannten interpretieren können. Somit verweist die Landkarte immer auf sich selbst – sie ist rekursiv.

 

Praktische Einführung

JedeR von uns nimmt Dinge und Erlebnisse wahr und denkt sich, dass es alle anderen genauso sehen und erleben müssen – denn ‚was ich mit eigenen Augen sehe, ist ja unbestreitbar‘, oder?

Gehen wir von einem einfachen Beispiel aus:

A: Wie gefallen dir eigentlich die roten Vorhänge?

B: Welche roten Vorhänge?

A: Na die in der Küche.

B: Ah, du meinst die orangen…

Beide haben dasselbe gesehen, beide glauben, die Wahrheit zu kennen, beide sehen etwas anderes. Und das ist auch legitim. Denn aufgrund persönlicher Vorerfahrungen nehmen wir Dinge unterschiedlich war. Dafür gibt es eine – möglicherweise auf Anhieb befremdlich wirkende – Erklärung: Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Version der Wirklichkeit. Seinem „Modell der Welt“. Dieses individuelle Modell der Welt ist einzigartig, kann naturgemäß nur Teile des Ganzen beinhalten und verweist immer wieder auf sich selbst, da alles, was wir an neuem kennenlernen durch das bereits bestehende Modell interpretiert wird. Mit all unserem Handeln reagieren wir dementsprechend nicht auf eine absolute Realität sondern auf die von uns, basierend auf unserem individuellen Modell der Welt, interpretierte, subjektive Realität. All unsere Annahmen, Weltanschauungen und bisher gemachten Erfahrungen prägen dieses Modell.

Dies führt dazu, dass ein und dieselbe Tatsache von zwei Personen oft grundlegend unterschiedlich wahrgenommen wird.

Ein weiteres Beispiel wäre das, was man unter ‚Betriebsblindheit‘ versteht. Aufgrund der eigenen Erfahrungen mit einer bestimmten Sache haben diejenigen Personen, die ganz nah dran sind ein ganz bestimmtes Bild und sind sich sicher, jede Einzelheit zu kennen. Dann kommt eine ganz neue Person dazu und ihr fallen auf Anhieb Dinge auf, die man vielleicht verbessern könnte oder die nicht mehr zeitgemäß sind oder die schlicht und ergreifend falsch sind. Wer schon einmal einen längeren Text verfasst hat kennt wohl auch das Phänomen, dass man zigmal über den eigenen Text drüber liest und sich sicher ist, dass da keine Fehler mehr versteckt sein können – dann lässt man einen Fremden drüber lesen und bekommt das Dokument mit einer ganzen Reihe von Tipp- und Rechtschreibfehlern zurück und man versteht die Welt nicht mehr – ‚Wie konnte ich das bloß übersehen?‘

 

Diese Beispiele zeigen in sehr einfacher Form ein Phänomen auf, das sich mit dem ‚Modell der Welt‘ erklären lässt. Damit ist gemeint, dass jede und jeder von uns in ihrem/seinem Kopf ein Modell der Welt erstellt, das davon geprägt ist, was wir bisher erlebt und kennengelernt haben. Das kann ja auch gar nicht anders gehen – niemand wird geboren und hat die absolute Wahrheit im Kopf abgespeichert wie man beispielsweise eine Straßenkarte auf einer Festplatte speichern kann. Unsere persönliche Landkarte entsteht erst nach und nach – mit jeder Erfahrung fügen wir ein Stück hinzu. Da ist es nur natürlich, dass die Straßen bei jemandem, der in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist, holpriger und kurviger aussehen, als bei jemandem, der sich nie Sorgen machen musste.

Das alles kann natürlich in Gesprächen oder in der Zusammenarbeit zu Missverständnissen führen – man glaubt, man redet vom selben und meint doch etwas ganz anderes.

Andererseits helfen uns aber die verschiedenen Mechanismen, die wir dabei einsetzen, uns zurechtzufinden und Situationen schnell abwägen zu können. Wir verallgemeinern, wir reduzieren und wir verzerren die Realität.

 

Verallgemeinern: Wir generalisieren Erlebnisse, um in der Welt zu bestehen – wir lernen aus ihnen. Wenn wir uns einmal an einer Herdplatte verbrannt haben, verallgemeinern wir diese Erfahrung auf alles, was ähnlich aussieht – wir müssen uns die Hand nicht erst an verschiedenen Arten von Herden verbrennen. Dies kann zu Problemen führen, wenn man schlechte Erfahrungen mit bestimmten Menschen zum Anlass nimmt, dieser ‚Art‘ von Menschen ganz allgemein nicht mehr zu vertrauen (z.B. LehrerInnen, Geschäftsleuten, Frauen, Männern, etc.).

 

Reduzieren: Damit wir nicht komplett überfordert und von Reizen überschwemmt werden, nehmen wir nur die Dinge wahr, die uns wichtig erscheinen. Anders könnten wir uns auch nicht auf  unsere Arbeit konzentrieren, während daneben Menschen reden oder auch nur die Klimaanlage rauscht oder der PC summt. Problematisch wird es hier allerdings, wenn wir nützliche Erfahrungen ausblenden oder ignorieren. So wird beispielsweise beim Vorwurf ‚Du kriegst aber auch gar nichts auf die Reihe‘ jede Situation aus der persönlichen Landkarte gelöscht, in der die Person sehr wohl Dinge richtig gemacht hat, gleichzeitig verwischt man die konkreten Situationen, in der die Person wirklich Mist gebaut hat und man baut sich ein komplett negatives Bild dieser Person auf, das sie möglicherweise nicht verdient hat – das sich aber auf jede weitere Kommunikation und Zusammenarbeit auswirkt.

 

Verzerren: Der Mensch hat Phantasie und kann somit die Realität soweit verzerren, dass Erfahrungen neu- bzw. umgestaltet werden können. Ohne diese Eigenschaft gäbe es keine Kunst, wir wären nicht in der Lage Bücher zu schreiben. Mit dieser Fähigkeit können wir uns Ziele bildhaft vor Augen führen und auch erreichen. Schwierig wird es, wenn wir uns in der Phantasie bzw. einer extrem verzerrten Welt verlieren.

 

Kommentar

Je größer die Unterschiede zwischen mir und meinen GesprächspartnerInnen, desto wichtiger wird es, Gesprächstechniken wie Aktives Zuhören, Paraphrasieren und spezielle Fragetechniken einzusetzen um die auftretenden Missverständnisse möglichst frühzeitig abzufangen.

Besonders gut eignen sich auch Kommunikationsübungen, die aufzeigen, dass man unter denselben Begriffen nicht dasselbe versteht (Beispiel: ‚Der Hahn ist NICHT tot‘ – diese Übung findet sich im Buch Trainer-Kit: Boes, S. G. und Kaseric, T. (2008): Trainer-Kit: Die wichtigsten Trainingstheorien, ihre Anwendung im Seminar und Übungen für den Praxistransfer. managerSeminare Verlag, 2. Auflage).

 

Richtiger Zeitpunkt/Voraussetzungen

Es gibt keine inhaltlichen Voraussetzungen. Das Modell eignet sich gut als Einführung zu weiteren Kommunikationstheorien.

 

Querverweise

 

Weiterführende Literatur

Korzybskis Original:

 

Beispiel-Training (40 Minuten)

Zeit Beschreibung Material
20‘ Man stellt mittels Flipcharts und/oder Pinwänden einen Kreis/ein Viereck im Raum auf – an jeder Wand hängt ein leeres Flipchart und vor jedem leeren Flipchart steht eine Teilnehmerin/ein Teilnehmer (sie dürfen die jeweils anderen Flipcharts nicht sehen können). Dann gibt man ihnen die Aufgabe etwas sehr simples zu zeichnen (z.B. ein Haus mit Baum und Hund und einem Auto vor der Tür). mind. 4 Flipcharts und/oder Pinwände
5‘ Wenn alle fertig sind, stellt man die Wände nebeneinander, so dass alle TeilnehmerInnen alle Zeichnungen sehen können.  
20‘ Man wird sehen, dass jedes Bild komplett anders aussieht, obwohl alle exakt dieselbe Aufgabenstellung hatten. Jetzt kann man gemeinsam mit der Gruppe die Theorie des ‚Modells der Welt‘ erarbeiten.  

 

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Eine Antwort auf “Modell der Welt”

  1. Lernen durch Assimilation und Akkommodation | LarsRichter.Training

    […] Nimmt man diese beiden Formen des Lernens als Grundlage, so kommt man nicht umhin, Wissen als individuelles Konstrukt zu betrachten. Denn von außen (etwa durch einen Trainer, Coach oder Lehrer) kann kaum sinnvoll beeinflusst werden, welcher dieser beiden Prozesse beim Lerner stattfindet. Die nach einer Akkommodation erzeugte Denkstruktur ist außerdem immer vollkommen individuell. (Wie sollte man auch exakt steuern, wie die neue Denkstruktur eines Lerners nach einem Lernprozess aussieht?) Das bedeutet ebenfalls, dass selbst jene Lerninhalte, die dann später wieder durch Assimilation angeeignet werden, auf eben diese (durch Akkommodation erzeugten!) individuellen Strukturen treffen. So erzeugt das Wechselspiel von Assimilation und Akkommodation bei jedem Lerner unterschiedliche Weltbilder und Denkstrukturen. Jeder Mensch hat somit sein eigenes Modell der Welt.(2) […]

    Antworten

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