Balint-Supervision

Michaël Balint

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Ziel

Die TeilnehmerInnen sollen die Möglichkeit haben, ihre Erlebnisse und Probleme mit Hilfe der geleiteten Balint-Supervision zu besprechen und zu bearbeiten.

 

Kontext

 

Theorie

(basierend auf König (2004): Die Leitung von Balintgruppen.)

 

Michaël Balint hat sich in den 1950er Jahren mit der Beziehung von ÄrztInnen und ihren PatientInnen auseinandergesetzt. Es ging ihm dabei vor allem darum, die unbewussten Prozesse, die in der Interaktion zwischen ÄrztIn und PatientIn ablaufen, verstehen zu lernen und für die ÄrztInnen begreifbar zu machen. Auf die Idee, dass diese Beziehung relevant sein könnte, kam er durch die Beobachtung, dass der Heilerfolg bei derselben Krankheit mit denselben Medikamenten bei unterschiedlichen ÄrztInnen verschieden ausfällt. Daraus kann man schließen, dass die Beziehung zwischen Arzt/Ärztin und PatientIn großen Einfluss auf den Behandlungserfolg hat.

Durch das Reflektieren schwieriger Situationen gemeinsam mit anderen ÄrztInnen soll sich diese Beziehung grundlegend verbessern.

Gerade im medizinischen Bereich hat sich die Methode der Balint-Gruppe deshalb durchgesetzt und wird auch heute noch regelmäßig angewendet. Man hat allerdings erkannt, dass sich die Methode auf sehr viele Berufsgruppen anwenden lässt: darunter SozialarbeiterInnen, SeelsorgerInnen, LehrerInnen, etc.

Grundsätzlich dient die Methode der Aufarbeitung schwieriger Situationen in der Arbeit mit PatientInnen, KundInnen, KlientInnen, Gruppen, etc.

 

Die Methode selbst besteht aus sechs Schritten:

Schritt 1: Die Sicht des Fallgebers/der Fallgeberin

Schritt 2: Verständnisfragen an den Fallgeber/die Fallgeberin

Schritt 3: Rückmeldungen aus der Gruppe

Schritt 4: Der Fallgeber/die Fallgeberin nimmt Stellung

Schritt 5: Lösungsvorschläge (otional)

Schritt 6: Schlussrunde mit Rückmeldungen zu den Lernerkenntnissen

 

Praktische Durchführung

Schritt 1: Die Sicht des Fallgebers/der Fallgeberin

Die Person, die den Fall vorbringt bzw. deren Situation/Problem besprochen werden soll schildert den Fall. Die restliche Gruppe hört aufmerksam zu und unterbricht nicht. Die Personen in der Gruppe notieren alles, was ihnen ein- und auffällt. Außerdem notieren sie, was sie selbst dabei empfinden und wie ihnen der Fallgeber/die Fallgeberin bei der Schilderung erscheint (Nervosität, Gereiztheit, Unsicherheit, Arroganz, etc.)

 

Schritt 2: Verständnisfragen an den Fallgeber/die Fallgeberin

Es dürfen Fragen an die Person gestellt werden, die den Fall geschildert hat. Allerdings darf es sich dabei nur um Fragen handeln, die dem Verständnis dienen. Vermutungen, Hypothesen oder implizite Lösungsansätze haben in diesem Schritt nichts verloren. Die Gruppe soll am Ende dieses Schritts ein bestmögliches Verständnis der Situation haben.

 

Schritt 3: Rückmeldungen aus der Gruppe

Die Personen in der Gruppe haben nun Gelegenheit alles zu sagen, was ihnen zu dem geschilderten Fall in den Sinn kommt. Dabei dürfen sie durchaus kreativ sein. Es darf sich um Gedanken, Gefühle, Hypothesen und Vermutungen handeln. Nur Lösungen haben auch in diesem Schritt noch nichts verloren. Die Person, um deren Fall es geht, soll/darf sich Notizen machen, um die Aussagen zu sammeln (gerne auch groß auf Flipchart). Dabei darf er/sie auch Verständnisfragen stellen – allerdings mischt er/sie sich sonst nicht ein, bezieht keine Stellung und kommentiert nichts.

 

Schritt 4: Der Fallgeber/die Fallgeberin nimmt Stellung

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Person, um deren Fall es geht, alle Notizen (die Auflistung aus dem vorigen Schritt) kommentiert und die einzelnen Punkte für sich als zutreffend oder nicht zutreffend markiert (z.B. nicht zutreffendes durchstreichen). Wichtig: Er/Sie muss erklären, warum etwas zutrifft oder nicht zutrifft (es geht naturgemäß rein um die subjektive Sichtweise dieser Person – was sie für richtig erachtet, ist in dem Moment richtig).

 

Schritt 5: Lösungsvorschläge (optional)

Wenn der Fallgeber/die Fallgeberin dies wünscht, erarbeitet die Gruppe in diesem Schritt gemeinsam Lösungsvorschläge. Diese sind auch wirklich als solche zu sehen und keinesfalls als Handlungsanweisungen zu deklarieren.

 

Schritt 6: Schlussrunde

Der letzte Schritt besteht aus zwei Teilen: zum einen sagt der Fallgeber/die Fallgeberin, was er/sie mitnimmt – zum anderen haben die Gruppenmitglieder ebenfalls die Gelegenheit mitzuteilen, was sie selbst dabei gelernt haben und ob bzw. wo sie bereits selbst Schwierigkeiten mit ähnlichen Situationen hatten.

 

Kommentar

Die Methode ist relativ zeitintensiv, ist also nur dann anzuraten, wenn entweder genügend Zeit vorhanden ist, um sich mit allen vorhandenen Problemen gleichermaßen zu beschäftigen oder wenn die Gruppe ohnehin regelmäßig Supervisionstreffen durchführt.

 

Richtiger Zeitpunkt/Voraussetzungen

Inhaltlich bzw. Methodisch gibt es keine Voraussetzungen.

Die Ballint-Supervision ist naturgemäß für Gruppen geeignet, deren einzelne Mitglieder einen Fall mitbringen, den die anderen nachvollziehen können (weil sie beispielsweise in einem ähnlichen Bereich arbeiten – LehererInnen, GruppenleiterInnen, TutorInnen), in den aber nicht alle Gruppenmitglieder involviert sind.

 

Querverweise

 

Weiterführende Literatur

 

Der Originalartikel von Michaël Balint:
Balint, Michaël (1954): Training general in psychotherapy. In: Britisch Medical Journal. S. 115-120.

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